Blog EHRLICH-KEITEN
- Karin Ehrlich
- 30. Jan.
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 5. Feb.
für immer

Lieber Papa!
Es ist Montag, der 26. Jänner 2026, als ich erfahre, dass du vom Krankenhaus wieder zurück ins Pflegeheim kannst. Aber nicht, weil du dich erholt hast, sondern weil man für dich nichts mehr tun kann.
Wenn ein Elternteil über 80 Jahre alt wird und jeden Tag körperlich sichtlich abbaut, kann einem das sehr zu denken geben. Also sitze ich hier, bin rastlos und ängstlich und durchforste mehrere Fotostapel auf der Suche nach Bildern von dir. Einige sind nach Themen in Fotobüchern sortiert, der Rest ist komplett unsortiert und durcheinander. Es sind Fotos von dir und Mama, aus euren und unseren Kinder- und Jugendtagen, schwarz-weiß Bilder von Oma und Opa. Teilweise sehe ich Menschen, die ich nicht mehr kenne, nie kannte oder die mir nicht mehr in Erinnerung sind.
Spannenderweise sind die Erinnerungen, die ich an dich habe, nicht auf Bildern zu finden. Ich bin in Gedanken an an dich. Die Endlichkeit hat uns eingeholt. Müssen wir uns nun verabschieden? Ein Abschied für immer?
Ich durchforste meine frühesten Erinnerungen und frage mich, ob du dich an die gleichen Erlebnisse wie ich erinnern kannst. Ich muss an die drei oder vier Jahre alt gewesen sein, als ich im Korneuburger Berndl Bad im Kinderbecken untergegangen bin. Ich konnte noch nicht schwimmen, war alleine im Wasser, in dem ich bereits gut stehen konnte und plötzlich war ich ausgerutscht und sofort untergegangen. Du bist am Beckenrand auf einer Bank gesessen und mir sofort zu Hilfe geeilt. Du hast mich gerettet! Als du mich aus dem Wasser trägst, weine ich bitterlich, es waren nur wenige Sekunden. Doch du tröstest mich und machst verrückte Scherze, bis ich wieder zu lachen beginne. Jahre später wirst du diese Geschichte unseren Heurigengästen erzählen, aber nicht, um eine prahlerische Heldengeschichte als Retter zu erzählen, sondern vielmehr als Warnung „wie schnell in einer Sekunde der Unaufmerksamkeit etwas Schlimmes passieren kann“. Bis zu meinem Schwimmkurs mit 6 Jahren, sollte ich Todesangst vor Wasser haben. Witzigerweise ist all die Jahre Wasser genau das verbindende Element zwischen uns.
Ich war ebenfalls noch ein Kind, als du Windsurfen gelernt hast. Du hast von einem Bekannten ein Surfboard mit Windsegel geschenkt bekommen, das für 100 kg ausgelegt war – also viel zu schwer für einen Mann, der sein Leben lang keine 80 kg auf die Waage gebracht hat. Aber du hast es geschafft. Staunende Badegäste am Langenzersdorfer Ufer der Donau waren begeistert von den schnellen Erfolgen des absoluten Beginners auf dem Surfboard. Ich war so stolz auf dich. Und das Beste – ich durfte mich zu dir auf das Board setzen und so sind wir Länge um Länge die Donau hin und hergedüst. Es war großartig. „Mein Papa ist der Coolste“, dachte ich.
Draufgängerisch hast du dich auch auf der Skipiste gezeigt. Ich war schon als Kind nicht sehr mutig, wenn es um Wintersport ging. Du wolltest mich überreden, mit dir gemeinsam eine rote Piste runter zu fahren, noch dazu war ein Teil davon eine Buckelpiste. Eine Herausforderung, der du dich draufgängerisch wie du warst, immer gerne gestellt hast. Ich bin trotzig den bekannten Familienhang alleine runter gefahren. Wir haben uns bei den Liften wieder getroffen. Du warst schweißgebadet, überall Schnee auf deinem Ski-Overall und sofort geständig: „drei Buckel hab ich geschafft, dann hat's mich geschmissen“. Ich fand das saukomisch. Ein Angeber warst du nie. Draufgängerisch ja, aber immer sehr ehrlich.
Aber du warst nicht nur draufgängerisch, du warst auch erfinderisch. Neben diversen Häusern, Geräten oder Landmaschinen, die du selbst gebaut, repariert oder umfunktioniert hast, hast du für uns Kinder die lustigsten Schneemänner, das beste Gartenhaus zum Spielen, sowie die tollste Schaukel der Welt in unserem Innenhof gebaut. Vor allem an die große Schnee-Rutsche im Garten werde ich mich für immer erinnern. Und war die Rutsche zu klein, wurde daraus ein Schnee-Iglo gebaut. Not macht erfinderisch. Ich glaube, du wolltest es uns Kindern einfach immer recht machen. Du wolltest, dass wir Spaß hatten und dass es uns gut geht. Wahrscheinlich sehr zum Ärger von Mama, die gänzlich die Care-Arbeit übernommen hatte, aber wenn wir etwas wirklich wollten, sind wir zuerst zu dir gegangen, weil wir wussten, dass du es uns erlauben wirst.
Anders als viele andere gleichaltrige Jugendliche, haben wir wilde Partys bei den Eltern gefeiert. Ein großer Gastgarten im Sommer oder ein ganzes Heurigenlokal im elterlichen Betrieb im Winter hat sich sehr gut zum Feiern angeboten. Während Mama in Sorge war, dass wir ihre Blumenbeete vollkotzen werden, hast du uns den teuren Schnaps gebracht. Den Metaxa mit 7 Sternen. „Nicht den billigen Scheiß, der nur Kopfweh bereitet“, hast du gesagt. Ich glaube, die wenigsten Teenager finden Eltern wirklich cool. Aber du Papa, warst wirklich der Coolste!
Auf einem der Fotos sieht man dich mit freiem Oberkörper, mitten in unseren Gästen sitzend, so als wärst du an einem Sommertag selbst Gast und nicht Gastgeber. Ich erinnere mich an sehr viele Abende, an denen du unseren Heurigengästen unser Lokal als eine Art erweitertes Wohnzimmer angeboten hast. Jeder sollte sich wohl fühlen. Und wenn dir besonders lustig war, hast du dir eine Perücke aufgesetzt, die Gurkenzange als eine Art Drumstick und das Tablett als Schlagzeug verwendet. Die Menge hat gelacht, der Familienhund hat dazu gejault und jeder war fröhlich. Der Spaß war auch für dich um 2 Uhr morgens nicht vorbei, als du „die letzte Runde aufs Haus“ gegeben hast. Den Blick von Mama, die schon seit 7 Uhr morgens auf war, um alles vorzubereiten, werde ich dazu auch nie vergessen. Es war die egal, auch die Diskussion danach. Jeder sollte sich wohlfühlen, jeder sollte glücklich nach Hause gehen.
So extrovertiert du vor unseren Gästen sein konntest, so introvertiert bist du in Wirklichkeit. An vielen Sommertagen sind wir im Waldviertel gewesen. Während Mama und wir Kinder mit Tonnen von selbst gebackenen Kuchen versorgt wurden, bist du am Fischteich unserer Gastgeber gesessen und hast stundenlang geangelt. Diese Leidenschaft war weniger des Wunsches wegen, einen Fisch zu fangen. Ich glaube, du hast einfach die Stille und den Anblick des Wassers genossen. Eine Leidenschaft, die ich auch heute als Erwachsene mit dir teile.
Du wolltest mir einmal das Angeln beibringen und da kam es zu einem sehr unglücklichen Unfall. Ich sollte die Angel ruckartig hochziehen, wenn sich ein Fisch am Haken befindet. Nur leider war deine Hand an der Angelschnur und kein Fisch an der Angel. Und durch das ruckartige Hochziehen der Angelschnur ging der Widerhaken durch deinen Daumennagel. Autsch. Du hast keine Sekunde mit mir geschimpft. Der Anblick war schrecklich, ich war in Panik. „Bring mit eine Zange“ hast du in stoischer Ruhe zu mir gesagt. Und den Widerhaken einfach abgezwickt, den Draht durch den Nagel gezogen, ein Pflaster draufgeklebt und keine große Sache daraus gemacht.

Tapfer warst du immer. In den Jahrzehnten der Selbstständigkeit beim Heurigen werden Stammgäste und Freunden von den dramatischen Unfällen berichten, die du erlebt und überlebt hast. „Da Woifal ist wie eine Katze mit 7 Leben“ werden sie erzählen. Und sie hatten recht. Waghalsige Manöver mit dem Traktor und diverse Unfälle gehören fast zu unserem Alltag. Bei vollem Bewusstsein hat man dich sowieso nicht in den Rettungswagen bekommen. Es ist dir immer unangenehm, so hilflos zu sein. Wir haben dich nie jammern oder klagen gehört, egal wie groß der Schmerz war.
Selbst deine Tränen hast du vor uns verborgen. Du kommst aus einer Generation, wo Weinen als Schwäche gewertet wird. Aber ich weiß, dass du bitterlich um den Tod deines Vaters geweint hast. Selbst wenn ein Familienhund gestorben ist, hast du geweint. Im Stillen, im Verborgenen.
Der Zusammenhalt der Familie war dir immer wichtig. Da konntest du allerdings Tränen der Rührung und Freude nicht verbergen. Oder anders gesagt, du bist uns nicht entkommen. Als wir Kinder zum 50. Geburtstag von Mama ein Gedicht vor versammelter Gäste vorgelesen haben, sind dir Tränen über die Wange gelaufen. Ebenso zu meiner Sponsionsfeier, als ich den Abschluss der Uni vor 400 Menschen gefeiert habe. Du hast hastig ein Taschentuch gesucht und vor lauter Stolz Tränen in den Augen gehabt.
„Familie ist das Wichtigste“ hast du immer gesagt.
Deine Loyalität und Liebe zur Familie ist ein Wert, den du uns mitgegeben hast. Noch heute eilt die Familie heran, wenn es jemanden von uns nicht gut geht.
Die Beziehung zu Mama wird für uns Kinder immer ein Rätsel bleiben. So wenig harmonisch sie zwischen euch war, so habe ich mit den Augen als Erwachsene immer eine starke Loyalität und Zuneigung gespürt, die nur du verstehen und erklären kannst. Ich glaube, du hast Mama immer geliebt. Diese Liebe und der Zusammenhalt, wird sich in den vergangenen zwei Jahren wieder sehr deutlich zeigen, vor allem seit du Demenz hast, sichtlich abbaust und kaum noch mit uns sprechen kannst.

Vor genau 30 Jahren hattest du einen schlimmen Unfall. Dabei wurde neben einem Schädelbruch, mehreren Operation und einem mehrwöchigen Aufenthalt auf der Intensivstation, dein Sprachzentrum teilweise schwer beschädigt. Du musstest von Grund auf neu sprechen lernen. Ein Kämpfer warst du schon immer. Du hattest dich vollständig davon erholt. In den letzten 2 Jahren mit dir nicht mehr richtig sprechen zu können, war bitter. Ich hätte noch so gerne von dir so viel erfahren wollen. Dafür hat sich Mama um dich rührend gekümmert. Zum ersten Mal nach vielen Jahren habe ich zwischen euch Gesten der Berührung gesehen. Ich war so gerührt davon, dass ich diese intimen Momente mit meiner Anwesenheit nicht stören wollte. Nicht, weil es mir peinlich war, sondern weil mir diese Art von Intimität zwischen euch beinahe fremd war.
Ich frage mich, wie du die letzten 2 Jahre wahrgenommen hast. Ein Sturz hat alles verändert. Es war ein Oberschenkel-Bruch, nichts Tragisches an sich. Aber von einem Tag auf den anderem bist du zum Pflegefall geworden. Ein Zustand, der vor allem für dich, der keine Hilfe von außen annehmen wollte, schrecklich gewesen sein musste. Plötzlich ans Bett oder an einen Rollstuhl gefesselt, musstest du dich von Pflegerinnen und Pflegern, Mama, meiner Schwester und mir füttern und pflegen lassen.
Und du hast Schmerzen. Immer. So stolz du dein Leben lang warst, nie über Schmerzen zu klagen, umso mehr sieht man dir nun an, dass du diese nicht mehr verbergen kannst. Aber du bist auch jetzt tapfer, lachst, an Stellen, die ich nicht verstehen kann.
Ich werde nie den Moment vergessen, als du mit deiner Sitznachbarin im Pflegeheim in irgendeiner Phantasiesprache sprichst, sie ist ebenfalls dement, und an der gleichen Stelle mit ihr zu lachen beginnst. Deinen Pudding an deinem Platz reichst du an sie. Sie gibt dir dafür ihren. Mitgebrachte Kuchen und Kekse von Mama möchtest du sofort an Pflegerinnen und Pfleger ausgeben, so wie damals, beim Heurigen, wo es nur um das Wohl der anderen geht.
Ich sehe deine Güte und Großzügigkeit jetzt noch viel mehr als zu Zeiten, wo du bei vollem Verstand bist. Deine Werte und Haltung trägst du in dir, auch wenn du dich manchmal nicht mehr an mich oder meinen Namen erinnern kannst. Aber du erkennst mich. Manchmal dauert es eine Weile.
Und dann passiert etwas, an das ich mich auch nur an meine frühen Kindheitstage erinnern kann: du streichst mir mit deiner Hand über die Wange, mit einer rührenden Geste eines Vaters, der sich freut, sein Kind zu sehen. Wir brauchen keine Sprache. Wir verstehen uns ohne Worte.
Ich blicke auf ein Bild von dir. Von uns. Du kniest auf der Wiese in Omas Garten, hälst meine kleine Schwester im linken Arm und umarmst mich mit deiner rechten Hand. Ich möchte genau in dieser Erinnerung verharren. In vielen dieser Erinnerungen. In Erinnerungen, die mir für immer bleiben werden und von denen es noch sehr viel mehr gibt. Ich möchte noch in diesen Gefühlen von Herzlichkeit und Liebe verweilen, in Momenten des Glücks, in Momenten der Turbulenzen. In den lustigen und schrägen Momenten. In Situationen, in denen wir viel gelacht haben, in denen wir vor Freude geweint haben.
Ich möchte noch nicht weg aus diesen Erinnerungen. Denn sobald ich von diesen Zeilen aufblicke, umgibt mich Dunkelheit. Es ist aber eine andere Art von Dunkelheit. Nicht die Dunkelheit, die in der Nacht herrscht.
Diese Dunkelheit ist neu, bedrückend, beinahe bedrohlich. Sie macht mir Angst, mein Herz beginnt zu rasen. Ich flehe diese Dunkelheit an: „NIMM IHN MIR BITTE NOCH NICHT WEG“!
Aber ich weiß, dass ich mich dieser Dunkelheit stellen muss. Und dieser Ungewissheit, von der ich noch nicht weiß, wie mein Leben ohne dich aussehen soll. Aber ich muss damit beginnen: ich muss um dich zu trauern.
Du bist gestern Nacht gestorben.
Ich hoffe, du hast keine Schmerzen mehr.
Ich liebe dich.
Für immer!
Deine Karin




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