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Blog EHRLICH-KEITEN

Karin Ehrlich
21. Sept.
7 Min. Lesezeit

anam Cara und das Allein-Sein


Tapfere kleine Pflanze im heißen Sommer 2026
Tapfere kleine Pflanze im heißen Sommer 2026

„The one you love, your anam cara, your soul friend, is the truest mirror to reflect your soul.“


Dieses wunderschöne Zitat von John O’Donohue aus dem Buch Anam Cara: A Book of Celtic Wisdom ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Anam bedeutet Seele, Cara bedeutet Freund. O’Donohue greift damit eine alte irisch-keltische Vorstellung auf: Ein Mensch kann einem anderen Menschen auf eine Weise begegnen, die über gewöhnliche Bekanntschaft oder Freundschaft hinausgeht. Ein Anam Cara ist jemand, bei dem die eigene innere Welt gesehen, erkannt und angenommen werden kann. Für O’Donohue brauchen wir andere Menschen, um uns selbst wirklich kennenzulernen. Ein Anam Cara sieht nicht nur unsere äußerliche Persönlichkeit, sondern gewissermaßen hinter sie. Der andere ist nicht deshalb wichtig, weil er „der Richtige“ im romantischen Sinne ist, sondern weil die Begegnung etwas in uns sichtbar macht.


Durch dich sehe ich mich klarer!

Wir begegnen jemandem und plötzlich werden Dinge in uns lebendig: eine Seite unserer Persönlichkeit, die lange verborgen war, eine Sehnsucht, eine neue Vorstellung davon, wie Liebe sein kann, Verletzlichkeit, Mut, Kreativität, manchmal auch Schmerz. Für O’Donohue kann die Bedeutung einer Begegnung größer sein als ihre Dauer. Es kann ein Mensch sein, mit dem eine tiefe Freundschaft besteht. Es kann ein Partner sein, aber auch jemand, der uns in einer bestimmten Lebensphase begleitet. Die entscheidende Frage ist vielleicht: Kann ich bei diesem Menschen wirklich ich selbst sein? In dieser Begegnung muss ich mich nicht mehr verstecken. Es ist jemand, bei dem wir uns wahrhaftiger begegnen können.

Das Jahr 2026 scheint wieder ein Jahr voller Veränderungen zu sein. Nachdem ich mich von meinem Vater, diesem wundervollen Menschen, verabschieden musste, gab es auch große berufliche Veränderungen. Ein Arbeitsplatz ging zu Ende, ein neuer begann. Dazwischen lagen Bewerbungen, Absagen und Zweifel. Wer bin ich eigentlich beruflich? Was kann ich? Was will ich? Und wo passe ich hin? Irgendwann kam eine Zusage. Und mit ihr dieses wunderbare Gefühl, wieder irgendwo anzukommen.

Auch privat kamen neue Menschen in mein Leben. Von anderen musste ich mich verabschieden. Kennt ihr dieses Gefühl von manchen Begegnungen, die in einem etwas berühren? Einem Anam Cara. Einer Person, die etwas ausgelöst hat, die zu einem Spiegel wird. Und gleichzeitig werden Themen laut, die etwas in einem berühren, das mit der jeweiligen Person gar nicht ausschließlich zu tun hat: die Frage nach Nähe, nach Einsamkeit, nach Freiheit. Und danach, wie viel Platz ein anderer Mensch eigentlich noch in einem Leben hat, das man sich über Jahre so sorgfältig eingerichtet hat.

Wir leben in einer Zeit, in der wir unglaublich viel alleine können. Wir können alleine wohnen, alleine reisen, alleine essen gehen, alleine ins Kino gehen. Wir können uns unsere Möbel selbst aussuchen, unsere Finanzen selbst regeln, unsere Urlaube selbst buchen und unsere Probleme selbstverständlich auch selbst lösen. Wir sind unabhängig, selbstbestimmt, autonom – und meistens ziemlich stolz darauf. Wir haben uns schöne Leben gebaut. Manche von uns sogar sehr schöne. Renovierte Altbauwohnungen mit Designerleuchten und hochwertigen Küchen. Zimmerpflanzen, die nicht mehr nach drei Wochen Urlaub sterben. Und einen Kalender, der aussieht, als wäre er von einem Projektmanager für unser Privatleben erstellt worden. Wir haben alles im Griff. Fast alles.

Nur manchmal sitzt man abends auf diesem wunderschönen Sofa und merkt: Irgendwas fehlt.


Vielleicht ist das die eigentliche Einsamkeit unserer Zeit. Nicht, dass wir niemanden haben. Sondern dass wir uns ein Leben geschaffen haben, in dem kaum noch jemand wirklich Platz hat. Nicht aus Lieblosigkeit. Aus Selbstschutz. Denn Nähe bedeutet Veränderung.

Wenn jemand wirklich in unser Leben kommt, kann er nicht einfach einen Platz in unserem Leben bekommen, ohne dass sich die ganze Ordnung verändert. Plötzlich gibt es einen zweiten Kalender, andere Bedürfnisse, andere Gewohnheiten, andere Vorstellungen von Nähe. Und plötzlich muss man über Dinge reden, die man alleine wunderbar vermeiden kann: „Wann sehen wir uns?“, „Was bedeutet das zwischen uns?“, „Was brauchst du?“, „Was brauche ich?“, „Wo stehen wir?“

Alleine ist vieles einfacher. Alleine muss niemand wissen, dass man gerade Angst hat. Niemand kann einen enttäuschen. Niemand kann gehen. Niemand kann sagen: „Das ist mir zu viel.“ Und niemand kann einem zeigen, dass man selbst vielleicht manchmal zu viel oder zu wenig oder einfach nur kompliziert ist. Das Alleinsein hat einen großen Vorteil: Es kann einen nicht zurückweisen.

Ich habe in diesem Jahr Menschen kennengelernt, bei denen Nähe plötzlich wieder eine reale Möglichkeit war. Und genau das ist das Merkwürdige: Man kann sich nach Nähe sehnen und gleichzeitig Angst davor haben. Man kann jemanden mögen und trotzdem anfangen, sich zu schützen. Man kann sich wünschen, dass jemand bleibt – und gleichzeitig sehr genau beobachten, ob er vielleicht gerade dabei ist zu gehen. Man kann sich nach Verbindlichkeit sehnen und gleichzeitig denken: Bitte nimm mir meine Freiheit nicht.

Vielleicht sind wir alle ein bisschen widersprüchlicher, als unsere Datingprofile vermuten lassen. Dort steht dann: „Ich weiß, was ich will.“ Vielleicht müsste dort manchmal stehen: „Ich weiß ungefähr, was ich will, aber ich bekomme Angst, wenn ich es tatsächlich bekomme.“ Das wäre vermutlich ehrlicher. Und wahrscheinlich auch ein bisschen weniger sexy.

Eine meiner liebsten Figuren für dieses Thema ist Amélie. In „Die fabelhafte Welt der Amélie“ lebt eine junge Frau inmitten von Menschen und ist ihnen gleichzeitig ein Stück weit entrückt. Sie beobachtet, sie hilft, sie mischt sich in das Leben anderer Menschen ein. Sie bringt Menschen zusammen. Aber ihr eigenes Herz hält sie zunächst lieber unter Verschluss. Vielleicht ist das eine besonders raffinierte Form von Einsamkeit: Man ist beschäftigt mit dem Leben anderer, damit man das eigene nicht zu genau anschauen muss. Amélie ist nicht kontaktlos. Sie ist sogar ausgesprochen zugewandt. Aber echte Nähe ist etwas anderes. Denn man kann einen Menschen berühren, ohne sich selbst berühren zu lassen.

Und dann ist da „Her“. Ein Mann verliebt sich in eine künstliche Stimme. Was zunächst absurd klingt, wird irgendwann erstaunlich nachvollziehbar. Denn diese Beziehung bietet Nähe, Intimität, Gespräche und Verständnis – und gleichzeitig etwas, das eine reale Beziehung niemals vollständig bieten kann: Kontrolle über die Distanz. Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Films. Nicht, dass Menschen irgendwann Maschinen lieben. Sondern dass wir manchmal Beziehungen bevorzugen könnten, in denen wir uns sicher fühlen, weil die andere Person uns nicht auf dieselbe Weise verletzen kann wie ein echter Mensch. 


Vielleicht fliehen wir gar nicht vor der Liebe. Vielleicht fliehen wir vor dem Risiko, das mit ihr verbunden ist.

Dieses Jahr habe ich außerdem angefangen, mich beruflich bedingt intensiver mit Ehrenamt und mit Palliative Care auseinanderzusetzen. Und plötzlich bekommt die Frage nach Nähe noch einmal eine andere Dimension. Denn wenn Menschen am Ende ihres Lebens zurückblicken, geht es vermutlich nur selten darum, ob die Wohnung perfekt eingerichtet war, ob der Lebenslauf beeindruckend war, ob man immer unabhängig geblieben ist oder ob man alles alleine geschafft hat. Es geht um Menschen. Um Begegnungen. Um Berührungen. Um das, was gesagt wurde – und um das, was vielleicht nicht mehr gesagt werden konnte. Um die Menschen, die da waren. Und manchmal auch um die, die nicht da waren.

Das Sterben ist vielleicht der ultimative Beweis dafür, dass wir Menschen keine vollkommen autonomen Wesen sind. Wir brauchen einander. Von Anfang an. Und bis zum Ende. Vielleicht ist nur unsere Angst davor im Laufe des Lebens immer größer geworden.

Anam Cara wird oft sehr romantisch übersetzt: Seelenverwandter, Seelenfreund, der Mensch, der einen erkennt. Und natürlich kann man darin eine romantische Beziehung sehen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es bei Anam Cara ausschließlich um romantische Liebe geht. Vielleicht geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: um wirkliche Begegnung. Um einen Menschen, der nicht nur unsere Oberfläche sieht, sondern etwas in uns erkennt. Und vielleicht verändert uns eine solche Begegnung gerade deshalb, weil sie uns für einen Moment aus unserer sorgfältig eingerichteten Autonomie herausholt. Plötzlich sieht uns jemand. Wirklich. Und das kann wunderschön sein. Und beängstigend.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum manche Menschen uns noch lange beschäftigen, obwohl sie gar nicht lange in unserem Leben waren. Weil Dauer nicht dasselbe ist wie Bedeutung. Ein Mensch kann zehn Jahre neben uns leben und uns kaum wirklich begegnen. Ein anderer kann für einige Wochen in unser Leben treten und eine Tür öffnen, von deren Existenz wir gar nichts mehr wussten. Und manchmal geht dieser Mensch wieder. Das ist vielleicht der traurigste Teil. Aber nicht unbedingt der sinnlose. Denn vielleicht besteht der Sinn einer Begegnung nicht immer darin, dass sie bleibt. Vielleicht besteht er manchmal darin, dass sie etwas in Bewegung bringt.

Ich habe in diesem Jahr viel über das Alleinsein nachgedacht. Und darüber, dass ich mein Leben alleine führen kann. Das kann ich. Ich kann arbeiten, Entscheidungen treffen, mir meine Wohnung schön machen, reisen, Freundschaften pflegen, mir selbst Blumen kaufen. Und ich kann selbstverständlich auch einen Schrank zusammenbauen. Wobei wir hier ehrlich sein sollten: Beim letzten Punkt endet meine beeindruckende Autonomie ziemlich schnell. Aber grundsätzlich: Ich komme alleine zurecht. Und ich möchte das auch weiterhin können.

Nur vielleicht ist das gar nicht die entscheidende Frage. Die entscheidende Frage lautet: will ich alles alleine können müssen? Denn vielleicht ist das Ziel eines erwachsenen Lebens nicht, niemanden mehr zu brauchen. Vielleicht ist das Ziel, jemanden brauchen zu können, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Nähe zuzulassen, ohne die eigene Freiheit aufzugeben. Autonom zu bleiben und trotzdem abhängig sein zu dürfen. Sich zu öffnen, ohne zu wissen, wie die Geschichte ausgeht. Und vielleicht sogar das Risiko einzugehen, verletzt zu werden.

Wir reden viel über Selbstliebe, über Selbstverwirklichung, über Grenzen, über Unabhängigkeit, über toxische Beziehungen. Und vieles davon ist wichtig. Aber vielleicht fehlt manchmal ein anderes Wort: Verbindung. Denn Grenzen sind wunderbar. Aber eine Welt voller Menschen mit perfekten Grenzen kann ziemlich einsam werden. Vielleicht brauchen wir neben der Fähigkeit, „Nein“ zu sagen, auch wieder die Fähigkeit, „Komm herein“ zu sagen. Nicht zu jedem. Nicht um jeden Preis. Aber zu den Menschen, bei denen wir spüren: hier könnte etwas Echtes entstehen.

Vielleicht müssen wir unsere schönen Leben deshalb gar nicht aufgeben. Unsere Wohnungen nicht. Unsere Freiheit nicht. Unsere Unabhängigkeit nicht. Unsere sorgfältig sortierten Bücherregale schon gar nicht. Vielleicht müssen wir nur wieder daran denken, dass ein Leben nicht dadurch vollständig wird, dass alles perfekt eingerichtet ist.

Vielleicht braucht es ein bisschen Unordnung. Einen zweiten Schlüssel. Jemanden, der seine Zahnbürste bei uns liegen lässt. Jemanden, der plötzlich andere Pläne hat. Jemanden, der uns widerspricht. Jemanden, der uns zum Lachen bringt, wenn wir eigentlich gerade beleidigt sein wollen. Jemanden, der uns sieht. Und vielleicht auch jemanden, der bleibt.

Aber das weiß man vorher nie. Das ist das Risiko. Und vielleicht ist genau das der Punkt.

Denn Anam Cara bedeutet für mich inzwischen weniger: „Ich habe den Menschen gefunden, der für immer bleibt.“ Sondern eher: „Ich habe einem Menschen erlaubt, mich wirklich zu sehen.“

Vielleicht ist das schon sehr viel. Vielleicht sogar genug, um einen Weg zu verändern.


Und vielleicht ist ein wirklich schönes Leben am Ende gar nicht eines, in dem wir alles alleine schaffen. Sondern eines, in dem wir es könnten – aber trotzdem noch Platz für jemanden freihalten.

Ein kleines Zimmer. Eine freie Seite im Bett. Einen Platz am Tisch.

Oder einfach nur:

die Tür, die nicht ganz geschlossen ist.



 
 
 

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